Mit Herz und Hingabe erziehen, lieben, loslassen

Sie gehören uns nicht

„Wir haben dir Gottes Wort und den gesunden Menschenverstand mitgegeben. Jetzt ist es deine Aufgabe, beides zu nutzen.“ Dieser Satz meiner Eltern hat sich mir eingeprägt. Er drückt aus, was biblische Verwalterschaft im Kern bedeutet: Uns wird etwas Kostbares anvertraut, aber nicht, um es für immer festzuhalten. Wir sollen es nutzen, pflegen und weitergeben – und am Ende loslassen, damit es Frucht bringt.
Genau so sehe ich heute auch meine Aufgabe als Mutter. Ich darf meine Kinder prägen, ihnen Werte vermitteln, sie begleiten und ermutigen. Aber sie gehören nicht mir, sondern Gott. Er hat sie geschaffen, er kennt sie durch und durch und er hat gute Pläne für ihr Leben. Meine Rolle ist die einer Verwalterin: treu, verantwortungsvoll, aber nicht besitzergreifend.
In der Bibel wird dieses Prinzip deutlich beschrieben: „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen“ (Ps 24,1). Alles gehört Gott – auch unsere Kinder. Eltern sind keine Eigentümer, sondern Treuhänder. Erziehung ist daher ein Bereich, in dem das Prinzip der Verwalterschaft konkret sichtbar wird.

Kinder als anvertrautes Gut

In der Bibel werden Kinder als Geschenk Gottes verstanden. So heißt es in Psalm 127,3: „Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk.“ Eltern empfangen ihre Kinder, sie erschaffen sie nicht. Deshalb sind sie berufen, ihre Kinder so zu erziehen, dass sie die Wege Gottes erkennen lernen.
Schon im Alten Testament wird dieser Auftrag betont: „Diese Worte […] sollst du deinen Kindern einschärfen und davon reden“ (5 Mo 6,6-7). Paulus nimmt diesen Gedanken auf: „Zieht sie auf in der Zucht und Ermahnung des Herrn“ (Eph 6,4). Eltern verwalten somit nicht nur Nahrung, Schutz und Bildung, sondern auch die geistliche Prägung ihrer Kinder. Das Ziel besteht darin, Kinder zu einem eigenständigen Leben vor Gott zu befähigen.

Machen

Am Anfang steht das Machen. Kinder lernen vor allem durch Beobachtung. Jesus hat auch seinen Jüngern gezeigt, wie das Reich Gottes aussieht. Er heilte, vergab, liebte und diente. So konnten sie sehen, wie himmlische Werte im Alltag Gestalt gewinnen.
Genauso beginnt Erziehung: Eltern leben ihren Glauben und ihre Werte vor. Sie zeigen, was es heißt, treu, ehrlich, barmherzig oder verantwortungsvoll zu sein. Worte allein genügen nicht – das gelebte Beispiel ist der erste Schritt einer guten Verwalterschaft.
In unserer Familie wurde das besonders deutlich, als wir vor zwölf Jahren die Entscheidung trafen, meine Schwiegereltern bei uns aufzunehmen und zu pflegen. Unsere Kinder haben Tag für Tag miterlebt, wie wir Opfer brachten und uns für Schwächere einsetzten. Es war nicht immer einfach, aber es war ein konkretes Lebensmodell der Barmherzigkeit. Wir mussten nicht nur sagen: „Seid barmherzig“, sondern haben es vorgelebt. Diese Erfahrung hat unsere Kinder stärker geprägt als jede Predigt. Sie haben gesehen, dass Jesu Liebe praktisch wird, wenn man Verantwortung übernimmt und Schwäche mitträgt. Dieses Modell wird sie, so hoffe ich, auch in ihrem eigenen Leben tragen.

Machen lassen

Der nächste Schritt ist das „Machen lassen“. Jesus sandte seine Jünger aus, um das Gelernte selbst auszuprobieren (Lk 9,1-6; 10,1-12). Er gab ihnen Vollmacht und einen klaren Auftrag, hielt sie aber nicht zurück. Fehler waren möglich, doch das gehörte zum Lernprozess.
So erlebe ich es auch mit meinen Kindern. Mit 15 und 16 Jahren stehen sie vor größeren Entscheidungen. Wir führen häufig Gespräche über christliche Ethik und ich frage sie: „Passt dein Handeln zu den Werten Jesu?“ Sie haben erlebt, wie wir als Eltern unseren Glauben leben. Jetzt reflektieren sie selbst, treffen Entscheidungen und lernen, mit den Konsequenzen umzugehen.
Ein Beispiel: Kürzlich erzählte mir mein Sohn, dass er seine Hausaufgaben oft von Klassenkameraden abschreibt, anstatt sie selbst zu machen. Natürlich bin ich damit nicht einverstanden. Ich sage ihm das auch offen und frage: „Meinst du, das passt zu dem, was du in der Bibel gelernt hast?“ Seine Reaktion ist eher unterkühlt – er schweigt und ich spüre seinen Widerstand. Doch statt Druck zu machen, küsse ich ihn auf die Wange. Dann nimmt er den Müll runter, wie ich ihn gebeten habe, und wir reden nicht weiter darüber. Aber unsere Herzensbeziehung bleibt intakt. Er weiß, dass ich ihn liebe, auch wenn ich seine Entscheidung nicht gutheiße.
Gerade darin liegt für mich die Herausforderung: Ich kann meine Kinder nicht zwingen, meine Werte anzunehmen. Aber ich kann ihnen helfen, Verantwortung zu übernehmen, indem ich sie an die biblischen Maßstäbe erinnere und ihnen zugleich Raum lasse, eigene Entscheidungen zu treffen.

Lassen

Der letzte Schritt ist das Lassen. Nach seiner Himmelfahrt vertraute Jesus seinen Jüngern sein Werk endgültig an. Durch den Heiligen Geist wurden sie dazu befähigt, auch ohne seine sichtbare Gegenwart in Vollmacht zu handeln.
Auch Eltern sind dazu berufen. Loslassen bedeutet, sein Kind in Gottes Hände zu geben, wo es sicherer aufgehoben ist als in den eigenen. Das Bild des Bauern hilft mir dabei: Er legt ein Samenkorn in die Erde und muss warten, bis es wächst. Eine Zeitlang sieht man nichts, doch im Verborgenen geschieht Veränderung. So ist es auch im Glauben unserer Kinder: Wir können das Wort säen, aber nur Gott schenkt den Durchbruch.
Für mich bedeutet „Lassen“ nicht Gleichgültigkeit, sondern Hoffnung. Ich bete für meine Kinder und erinnere sie an Gottes Maßstäbe. Doch am Ende muss ich sie loslassen. Ich kann sie nicht festhalten, aber ich darf vertrauen, dass Gott ihre Herzen erreichen wird – manchmal auf eine Weise, die ich mir nicht vorstellen kann.

In Gottes Händen gut aufgehoben

Loslassen ist eine der schwierigsten Aufgaben in der Erziehung. Es ist schmerzhaft, weil wir unsere Kinder lieben und ihnen nur das Beste wünschen. Jeder Schritt in die Selbstständigkeit fühlt sich an, als würde ein Stück von uns selbst losgerissen. Und doch ist genau das Teil unserer Berufung als Eltern: nicht festzuhalten, sondern an Gott zurückzugeben, was von Anfang an ihm gehörte.
Wir sind damit nicht allein. Unsere Glaubenshelden mussten denselben Weg gehen. Abraham legte seinen Sohn Isaak in Gottes Hand und erlebte, wie Gott zur rechten Zeit eingriff. Hanna brachte ihren kleinen Samuel in den Tempel und vertraute darauf, dass Gott für ihn sorgen würde. Maria stand unter dem Kreuz und musste aushalten, dass der Weg Jesu anders verlief, als sie es sich je erträumt hatte.
Diese Geschichten zeigen: Gott lässt uns beim Loslassen nicht allein. Er gibt uns genau dann die Kraft, wenn wir sie brauchen. Weder zu früh noch zu spät, sondern genau im richtigen Augenblick.
Darum dürfen wir hoffen. Auch wenn wir unsere Kinder nicht festhalten können, hält Gott sie fest. Unsere Aufgabe ist es, treu zu säen, zu begleiten und zu lieben. Den Durchbruch, das Tiefenwurzeln und das Fruchtbringen wirkt Gott selbst.
Eltern dürfen wissen: Wir müssen das Loslassen nicht alleine tragen. Der Gott, der uns Verwalterschaft anvertraut hat, schenkt uns auch die Gnade, ihm das Wertvollste anzuvertrauen. Und diese Hände sind stark genug, um unsere Kinder sicher zu tragen.

Autor

  • Keren Pickard (Jg. 1977) ist Mut-Coach und Rednerin. Sie wohnt mit ihrer Familie in Bühl, Baden-Württemberg, und schreibt für diverse Medien. E-Mail: mehrwert@ kerenpickard.com

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