Was ich auf meiner Reise mit Gott gelernt habe
Der alte D-Zug fährt langsam durch die verschneite Landschaft des Zentralbalkans. Auf der rund sechsstündigen Strecke von Burgas am Schwarzen Meer nach Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, komme ich mit einer jungen Frau ins Gespräch. Als läge ihr Leben wie ein offenes Buch vor ihr, erzählt sie von ihren Träumen und Visionen. Unser Gespräch führt von Lebenszielen zur Sinnfrage: Hat jeder Mensch eine Bestimmung? Sie sagt überzeugt: „Jeder Mensch wurde mit einer Bestimmung geboren.“ Ich kann ihr nur zustimmen. Wir alle tragen eine ewige Bestimmung in uns!
Ingrid Trobisch sagte einmal: „Der Mensch zu werden, zu dem ich geschaffen bin – das ist meine Lebensaufgabe!“
Unsere Bestimmung zu entdecken ist unsere Lebensaufgabe.
Diese Aufgabe gleicht einer Zugreise: Manchmal geht es langsam voran, es gibt Zwischenhalte und Weichenstellungen, doch insgesamt schreitet man stetig voran. In meiner Beziehung zum Heiligen Geist habe ich immer mehr verstanden. Wenn unser Leben ganz im Einklang mit ihm ist, dann erfahren wir sein Reden und Führen bis ins Detail.
In Römer 8,14 steht: „Denn alle, die durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes!”
Zunächst entdecke ich meine Bestimmung, meinen Lebenssinn und meine Identität in Christus als Teil von Gottes größerem Plan. Dann geht es um meine persönliche Berufung und meinen Lebensweg, wie ich mein Ziel erreiche.
Berufung trotz Verlust
Nach dem Tod meines Ehemannes bin ich meiner missionarischen Berufung treu geblieben. Heute diene ich als interkulturelle Mitarbeiterin sowie als prophetische Begleiterin und Coach. Ich ermutige und unterstütze Leiter und Gründer in Europa und Asien. Es handelt sich um kleine Gemeinschaften, Gemeinden oder Teams unterschiedlichster ethnischer Hintergründe, die oft unter schwierigen Bedingungen arbeiten.
Sie bauen: Gebetshäuser, Fürbitteteams, Missionsteams, prophetisch-apostolische Gemeinschaften, Vereine oder Unternehmen.
Viele Leiter und Gründer wünschen sich einen „Hebammendienst“ – jemanden, der ihnen dabei hilft, Gottes Visionen und Herzensanliegen zur „Geburt“ zu bringen. Sie persönlich aufzubauen, mit ihnen Prozesse zu durchlaufen und Strukturen zu stärken, ist mir ein tiefes Herzensanliegen.
Als alleinstehende Frau im Dienst
Als alleinstehende Frau im vollzeitlichen Dienst erlebt man viel. In Osteuropa begegnet man mir mit überschwänglicher Gastfreundschaft und großer Fürsorge, die nicht mit dem ersten gefüllten Teller endet. „Erzähle uns, was Gott tut. Wie geht es unseren Geschwistern in Asien und im Nahen Osten? Was müssen wir tun, um Jesus besser nachzufolgen?“ Die Stunden vergehen am gedeckten Tisch, während wir uns austauschen und beten. Ich spüre einen tiefen Hunger nach geistlicher Nahrung, nach einem prophetischen Lebensstil und nach Wachstum in der Fürbitte. Viele beten nachts für ihr Land, für Europa, für Gottes Plan mit Israel, für ihre Leiter und Familien, obwohl sie am nächsten Morgen früh zur Arbeit müssen.
In Ostasien wurde ich gefragt: „Bist du verheiratet? Kannst du wirklich allein reisen? Du verstehst doch die Schriftzeichen nicht!“
Ja, ich kann und ich verstehe auch ein paar Schriftzeichen!
In einem anderen Land sehe ich, wie viele Frauen als Predigerinnen und Evangelistinnen durchs Land reisen, während ihre Männer im Gefängnis sind. Ihre Hingabe und Opferbereitschaft sind einzigartig.
In Deutschland fragt man mich: „Hast du keine Angst, in den Nahen Osten zu reisen?”
Aber ich bin nicht allein. Nachdem vor meiner Ankunft eine Rakete in der Nähe des Flughafens Ben Gurion eingeschlagen war, reiste ich verspätet an. Aufgrund des beginnenden Shabbats fuhren keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, sodass ich meine Reise nicht wie geplant fortsetzen konnte. In dieser Situation bot mir ein Geschäftsmann spontan seine Hilfe an. Er und seine Frau fuhren mich eine Stunde nach Norden, damit ich sicher mein Ziel erreichen konnte.
Er dankte mir unter Tränen – nicht für große Worte oder Programme, sondern einfach dafür, dass ich komme, ihre Landsleute ermutige und an ihrer Seite stehe.
Leben im Vertrauen
Wie viele Missionare lebe auch ich in Abhängigkeit von „Jahwe Jireh“, was so viel bedeutet wie „der Herr sieht und versorgt“.
Nicht selten musste ich schon einen Flug buchen, ohne zu wissen, wie ich ihn bezahlen werde. Oder ich bete um den Betrag, um meine Kfz-Versicherung oder Einkäufe zu begleichen. Ich erlebe immer wieder, dass der Vater treu ist und für mich sorgt.
Im vergangenen Jahr sah ich mich plötzlich mit einer Herausforderung konfrontiert. Durch den Kontakt zu einem jüdischen Kommandanten erfuhr ich von 120 Einsatzkräften und ihren Familien, denen es an den nötigsten Dingen fehlte: Essen, Flaschenwasser, Solarlampen, Hygieneartikel und dringend benötigte Medikamente.
Ich hörte: „Gib ihnen eine Stimme und versorge sie!” Dabei dachte ich an 2. Könige 4, 1–7, wo der Prophet Elisa das letzte bisschen Öl der Witwe durch die Kraft Gottes so lange vermehren lässt, bis alle Gefäße gefüllt sind.
Mein „bisschen Öl“ waren die 400 Euro Rückerstattung für meinen annullierten Flug. Diese stellte ich zur Verfügung und es kam zur Vermehrung. Über einen Freund, den CEO von Rescue Care Worldwide, wurde mir eine Plattform zur Verfügung gestellt, sodass ich mein Projekt „Gideons in Need“ öffentlich machen konnte. Und plötzlich begannen sich die Gefäße zu füllen. Menschen spendeten. Aus einem kleinen Anfang erwuchs Hoffnung.
Meine Lebensreise gleicht weiterhin einer Zugfahrt mit unbekannten Strecken, unerwarteten Haltepunkten und immer wieder neuen Weichenstellungen.
Doch sie ist getragen von der Gewissheit: Ich bin berufen. Ich bin geführt. Ich bin versorgt. Ich habe mich darauf eingelassen, zuerst Jesus zu folgen und sein Reich an erste Stelle zu setzen.
So werde ich zu dem Menschen, zu dem ich geschaffen wurde.