Charismatische Christen unter Generalverdacht?

„Gesegnet seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen beschimpfen und verfolgen und euch zu Unrecht allerlei Böses nachsagen.“ (Mt 5,11)
Gerade Letzteres scheint in letzter Zeit auf verschiedenen Ebenen vermehrt zu geschehen.

Schon die Titel verschiedener Beiträge von BR/ARD im Dezember 2025 machen deutlich, in welche Richtung die Berichterstattung geht: „Erneuerungsbewegungen – Toxische Spiritualität“ und die dazugehörige TV-Dokumentation „Die hippen Missionare – Mit Jesus gegen die Freiheit?“
Das Gebetshaus Augsburg und andere charismatische Erneuerungsbewegungen werden darin kritisch hinterfragt. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Vorwürfe ehemaliger Teilnehmer, ein problematischer Umgang mit Gehorsam, Krankheit und geistlichen Kämpfen sowie das konservative Gesellschaftsbild einzelner Protagonisten.
Daneben häufen sich Berichte über „radikale Christen“ (BR, 1.4.2026) oder Warnungen vor christlichen Influencern, sogenannten „Christfluencern“ (ZDFheute live, 1.11.2025), sowie vor charismatischen Christen und Gemeinden wie dem ICF München oder dem Gebetshaus Augsburg.

Viele TV-Sendungen – überwiegend von öffentlich-rechtlichen Sendern – zeichnen inzwischen das Bild einer vermeintlich rechten christlichen Bewegung, die sich zunehmend politisch rechts positioniert und nach US-amerikanischem Vorbild auch im deutschsprachigen Raum nach politischer Macht greifen könnte. Unter dem Stichwort „Reich Gottes“ wird dabei teilweise der Eindruck erweckt, es gehe letztlich um die Errichtung eines theokratischen Gottesstaates. In dieses Bild passt auch eine Aussage aus dem Wahlprogramm der Linken Sachsen-Anhalt für die Landtagswahl 2026.
Dort heißt es unter der Überschrift „Für eine freie Religionsausübung in Sachsen-Anhalt“: „dass religiöser Fundamentalismus, sei er christlich-evangelikaler oder jihadistischer Prägung, durch Intervention, Aufklärungsarbeit, Prävention und zivilgesellschaftliche Initiativen entschieden bekämpft wird.“

Der Evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU (EAK) hat die Gleichsetzung von evangelikalem Christentum mit jihadistischem Islamismus im Wahlprogramm der Linken Sachsen-Anhalt verurteilt. „Die Gleichsetzung von sogenanntem ‚evangelikalen‘ Christentum mit dem menschenverachtenden und antisemitischen Terror des islamistischen Dschihadismus ist eine ungeheuerliche Diffamierung dieses bis heute so vielfältigen, lebendigen Frömmigkeitszweiges des christlichen Glaubens in unserem Land“, erklärte der EAK-Bundesvorsitzende und CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Rachel.

Von „Reich Gottes“ zur „Herrschaftstheologie“

Eine weitere Front in dieser Debatte ist die Dissertation von Maria Hinsenkamp: „Visionen eines neuen Christentums: Neuere Entwicklungen pfingstlich-charismatischer Netzwerke“ (transcript Verlag, 2024). Hinsenkamp versucht darin, unter dem Begriff KiNC („Kingdom-minded Network Christianity“) verborgene Unterstützungs- und Beziehungsnetzwerke innerhalb der pfingstlich-charismatischen Landschaft sichtbar zu machen. Dabei geht es um die These, dass bestimmte neocharismatische Bewegungen den Begriff „Reich Gottes“ mit gesellschaftlicher und letztlich auch weltlicher Macht verbinden und dadurch autoritären Tendenzen Vorschub leisten. Besonders relevant wird diese These dadurch, dass die Dissertation inzwischen von Medien und Journalisten aufgegriffen wird und damit als wissenschaftliche Quelle für die Einordnung charismatischer Bewegungen herangezogen werden kann.

Eine kritische Prüfung der Dissertation

Frauke Bielefeldt hat die zentralen Thesen der Dissertation einer ausführlichen kritischen Prüfung unterzogen. Ihr Ergebnis fällt deutlich aus: Die behauptete KiNC-Netzwerkstruktur und die ihr zugeschriebene Herrschaftstheologie seien nicht ausreichend belegt. An mehreren Stellen kritisiert sie zudem die wissenschaftliche Vorgehensweise. Aus Bielefeldts Sicht werden sehr unterschiedliche Christen und Organisationen miteinander verbunden, weil sie ähnliche Begriffe verwenden oder miteinander vernetzt sind. Daraus werde vorschnell eine gemeinsame Bewegung konstruiert. So entsteht ihrer Einschätzung nach der Eindruck eines großen, verborgenen Netzwerkes, obwohl die tatsächlichen theologischen und organisatorischen Gemeinsamkeiten der verschiedenen Akteure nicht ausreichend nachgewiesen seien.

Aus Netzwerken wird eine Bewegung gemacht

Das ist ein entscheidender Punkt: Natürlich gibt es gewachsene, konfessionsübergreifende Netzwerke von Christen. Menschen aus unterschiedlichen Gemeinden und Kirchen arbeiten miteinander, beten gemeinsam und tauschen sich über Fragen geistlicher Erneuerung aus. Dass solche Netzwerke existieren, bedeutet jedoch nicht automatisch, dass dahinter eine gemeinsame politische Agenda steht. Bielefeldt kritisiert deshalb insbesondere, dass aus einem wissenschaftlichen Analysemodell zunehmend der Eindruck einer tatsächlich existierenden, einheitlichen Bewegung entsteht. Aus vielen Christen, die ähnliche Begriffe verwenden und miteinander vernetzt sind, wird so eine gemeinsame Bewegung – und aus dem Wunsch, Gottes Reich in der Gesellschaft sichtbar werden zu lassen, eine politische „Herrschaftstheologie“. Das kann zu einem Generalverdacht führen, unter dem sehr unterschiedliche christliche Gruppierungen und Personen zusammengefasst werden. An einer solchen Liste „verborgener Unterstützungsnetzwerke“ könnten sich Journalisten und Redakteure orientieren und dabei wähnen, auf wissenschaftlich belegtem Boden zu stehen.


„Kein Wunder, dass Verunglimpfungen charismatischer Aktivitäten gerade Hochkonjunktur haben, wenn man damit scheinbar dazu beitragen kann, die Demokratie zu retten. Diese Unterstellungen über uns und viele andere christliche Gruppierungen sind in der Welt. Wir treffen sie auch vermehrt in unseren Kollegen- und Bekanntenkreisen oder im Umfeld unserer Gemeinden an. Sie brauchen Klarstellung, damit Menschen die übernommenen Vorurteile überdenken können. Es lohnt sich, sich zu informieren und Falschbehauptungen entgegenzutreten.“ Frauke Bielefeldt
GGE-Information zu KiNC-Netzwerken

Quelle: https://www.gemeindeerneuerung.de/gge-detailanalyse-kinc-netzwerke/

Gesellschaft gestalten heißt nicht Macht übernehmen

Für uns als charismatische Christen ist diese Unterscheidung wichtig. Wir dürfen durchaus davon sprechen, dass Gottes Reich schon heute sichtbar werden soll. Wir dürfen dafür beten, dass Gottes Wille in unserem persönlichen Leben, in unseren Gemeinden und auch in unserer Gesellschaft geschieht. Wir dürfen davon sprechen, dass Christen Verantwortung übernehmen und in Politik, Bildung, Wirtschaft, Kultur, Medien oder anderen gesellschaftlichen Bereichen Salz und Licht sein sollen. Wir müssen uns aber gleichzeitig klar von politischen und theologischen Konzepten abgrenzen, die – etwa in bestimmten Ausprägungen des sogenannten „Dominionismus“ – auf eine weitgehende politische Herrschaft von Christen zielen. Gesellschaftliche Verantwortung ist nicht dasselbe wie politische Herrschaft. Auch der Begriff „Reich Gottes“ darf deshalb nicht vorschnell mit dem Streben nach politischer Macht gleichgesetzt werden. Das Reich Gottes ist im biblischen Verständnis keine politische Staatsordnung. Es bezeichnet Gottes Herrschaft, die in Christus angebrochen ist und in der Welt immer mehr sichtbar werden soll.

Kritik ernst nehmen – ohne uns einschüchtern zu lassen

Die Kritik aus den Medien und auch die wissenschaftliche Kritik an charismatischen Bewegungen sollten wir nicht einfach abwehren. Sie geben uns Anlass zur Selbstprüfung. Wo gibt es tatsächlich toxische Machtstrukturen in Gemeinden oder christlichen Diensten? Wo wird geistliche Autorität missbraucht? Wo werden Menschen unter Druck gesetzt? Wo werden Krankheit, Gehorsam oder geistliche Kämpfe problematisch interpretiert? Solche Fragen müssen wir uns stellen – und zwar nicht erst dann, wenn Journalisten sie stellen. Gleichzeitig dürfen wir uns nicht durch pauschale oder aus unserer Sicht unzutreffende Zuschreibungen einschüchtern lassen. Fatal wäre es, wenn wir beispielsweise bestimmte Lobpreislieder, in denen es um die Königsherrschaft Gottes geht, nicht mehr singen, weil wir befürchten, falsch verstanden zu werden. Ebenso wenig sollten wir aus Angst auf biblische und theologische Begriffe wie „Reich Gottes“, „Königreichskultur“ oder den Auftrag zur geistlichen Transformation verzichten. Vielmehr sollten wir erklären können, was wir damit meinen – und uns dabei ausdrücklich von theologischen oder politischen Konzepten abgrenzen, die tatsächlich auf die Übernahme weltlicher Macht zielen.

Sachlich, demütig und mutig

Kritikern sollten wir unseren Standpunkt, unsere Begriffe und unsere Strukturen sachlich, demütig und liebevoll erklären können. Das eröffnet die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Dabei dürfen wir auch eigene Schwächen erkennen und korrigieren. Gleichzeitig gilt es, erkannte Wahrheiten weiterhin mutig zu lehren, zu leben und auch im Lobpreis zu feiern. Die gelebte Einheit im Leib Christi, die durch Vernetzung und gemeinsames Gebet über Gemeinde- und Konfessionsgrenzen hinweg sichtbar wird, sollten wir weiter ausbauen. Auch das gemeinsame Wirken für geistliche Erneuerung und Transformation in Kirche und Gesellschaft sollten wir fortsetzen.

Wenn wir um Jesu willen leiden

Jesus sagt nicht, dass seine Nachfolger immer Zustimmung erfahren werden. Im Gegenteil: Er kündigt an, dass Menschen ihnen um seinetwillen Böses nachsagen können. Darum sollten wir uns immer wieder fragen: Werden wir tatsächlich um Jesu willen kritisiert – oder gibt es berechtigte Kritik, die wir hören sollten? Wenn uns zu Unrecht allerlei Böses nachgesagt wird, dürfen wir wissen: Wir stehen damit nicht außerhalb der Nachfolge Jesu. Das Kreuz gehört zur Nachfolge. Und deshalb gilt auch heute: „Gesegnet seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen beschimpfen und verfolgen und euch zu Unrecht allerlei Böses nachsagen.“ (Mt 5,11)

Zur Vertiefung

GGE-Information zu KiNC-Netzwerken mit einer Liste hilfreicher Medienbeiträge

Vollständigen Analyse der Dissertation von Frauke Bielefeld

Analyse zusammengefasst und anschließend redaktionell überprüft

Titelbild KI generiert

Autor

  • Ehemann von Uta und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Mit einem Team gründete er eine Gemeinde, die er 25 Jahre als Pastor leitete. Seit 2022 ist er Redaktionsleiter von Charisma sowie Missionspartner bei Globe Mission.

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