DER RUF NACH GEISTLICHEN VÄTERN UND MÜTTERN
Christsein ist ein Wachstumsprozess von Anfang an
Der Apostel Johannes beschreibt mit den Begriffen Kinder, junge Männer (und Frauen), Väter (und Mütter) drei Phasen unserer Entwicklung hin zur Reife und Mündigkeit: Im geistlichen Kindesalter steht die Freude der Errettung im Vordergrund. Menschen im geistlichen Jugendalter sind im Wort Gottes gegründet, sie haben gelernt, im Glauben zu leben und wachsen in ihre Berufung hinein. Geistliche Väter und Mütter haben Gott jenseits von Segnungen und Gaben auf tiefe Weise persönlich kennengelernt und sind mit seinem Charakter und Wesen vertraut (vgl. 1 Joh 2,12-14). Wir alle dürfen in eine geistliche Elternrolle hineinwachsen (vgl. Gal 4,1-3; Hebr 5,11-14).
„Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen. Ich schreibe euch, Väter, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch, ihr jungen Männer, weil ihr den Bösen überwunden habt. Ich habe euch geschrieben, Kinder, weil ihr den Vater erkannt habt. Ich habe euch, Väter, geschrieben, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist. Ich habe euch, ihr jungen Männer, geschrieben, weil ihr stark seid und das Wort Gottes in euch bleibt und ihr den Bösen überwunden habt“ (1 Joh 2,12-14).
Auf welcher Wachstumsstufe befinde ich mich in meiner persönlichen Entwicklung?
Der Ruf nach geistlichen Vätern und Müttern
„Und wenn ihr auch zehntausend Lehrmeister in Christus hättet, so doch nicht viele Väter …“ (1 Kor 4,15). Die heutige Situation ist kaum anders als zur Zeit des Paulus. Wir mögen zehntausend Lehrmeister oder Erzieher in den Gemeinden haben, so fehlen doch oft geistliche Väter und Mütter. In der Literatur werden geistliche Eltern als Männer und Frauen beschrieben, die geistliche Reife besitzen und andere, die jünger im Glauben sind, begleiten, fördern und ermutigen, ihnen Leitung, Schutz und Korrektur bieten sowie geistliche Werte vermitteln. Sie sind ein Vorbild für Jesusähnlichkeit, und sie begleiten ihre geistlichen Söhne und Töchter durch beständiges Gebet (vgl. 2 Tim 1,1-3 u. 4,12-5,1; Tit 2,2-5).
Geistliche Eltern sind mehr als Lehrer, Mentoren oder Trainer, die uns in bestimmten Phasen unserer Entwicklung begleiten und Kenntnisse oder Fähigkeiten vermitteln. Geistliche Eltern werden nicht durch ein Tun definiert, sondern durch ihr Da-Sein. Sie sind berührbar, erreichbar und verfügbar, teilen Ressourcen großzügig und freuen sich, wenn ihre „Kinder“ Gewinn und Nutzen aus dem ziehen können, was sie geben und verkörpern.
Habe ich geistliche Väter oder Mütter in meinem Leben? Wenn ja, ist es ein Grund zum Danken. Wenn nicht, bitte ich Gott, dass er sie mir schenkt, und dass ich selbst in diese Rolle hineinwachse.
Geistliche Elternschaft für alle
Geistliche Elternschaft ist eine biblische Wahrheit, die uns alle betrifft, seien wir Gruppen- oder Teamleiter, Leiter und Pastoren örtlicher Gemeinden oder apostolische Leiter von Netzwerken mit Aufsicht über mehrere lokale Leitungsteams.
Wir alle können auf verschiedenen Ebenen ein lebendes Vorbild für andere sein, während wir selbst andere zum Vorbild nehmen und durch ihre geistliche Begleitung gefördert werden. Ob Mann oder Frau, jung oder alt – alle sind berufen, geistliche Väter und Mütter zu werden. Wenn der Apostel Paulus sich zu diesem Thema äußert, liegt die Betonung nicht in erster Linie auf dem funktionalen Aspekt einer Coaching-oder Mentoringbeziehung, sondern auf der persönlichen Beziehung und menschlichen Nähe. Und sie ist eingebunden in die Beziehung zu Jesus selbst als dem großen Vorbild: „Werdet Nachahmer von mir, wie auch ich Christi Nachahmer geworden bin“ (1 Kor 11,1).
Die Beziehung von Paulus zu Timotheus geht über bloße Unterweisung hinaus, sie ist von persönlicher Fürsorge und Verantwortung geprägt, er nennt Timotheus sein „echtes Kind im Glauben“ (1 Tim 1,2). Neben Vorbildcharakter ist geistliche Elternschaft durch Liebe und Hingabe gekennzeichnet: „… wir sind in eurer Mitte zart gewesen, wie eine stillende Mutter ihre Kinder pflegt … und waren willig, euch nicht allein das Evangelium, sondern auch unser eigenes Leben mitzuteilen, weil ihr uns lieb geworden wart … und wir haben jeden einzelnen von euch wie ein Vater seine Kinder getröstet und ermahnt“ (1 Thess 2,7-8.11).
Übe ich selbst geistliche Vaterschaft oder Mutterschaft aus? Wo erleben mich andere als geistlichen Vater oder geistliche Mutter?
Der Schlüssel – das Vaterherz Gottes
Wir sind berufen, geistliche Mütter und Väter zu werden und Hindernisse wie Unsicherheit und Selbstzweifel, negative Vorerfahrung, fehlendes Vorbild oder Gleichgültigkeit zu überwinden. Der Schlüssel liegt darin, den Vater zu kennen, „von dem jede Vaterschaft in den Himmeln und auf Erden benannt wird“ (Eph 3,14-15).
Wenn Johannes im anfangs zitierten Text zweimal davon spricht, dass geistliche Eltern den Vater erkannt haben, dann geht es hier nicht um ein intellektuelles Erkennen oder verstandesmäßiges Wissen um die Güte Gottes, sondern um eine ganzheitliche Erfahrung. Das macht den Unterschied zu den Lehrmeistern aus, von denen Paulus spricht: Sie können Richtiges über Gott weitergeben, doch Väter oder Mütter verkörpern Wahrheit, wenn sie die Liebe Gottes weitergeben. Gottes Wort ist Wahrheit in ihrem Mund und wird zur Wirklichkeit (vgl. 1 Kön 17,24), weil sie selbst geschmeckt haben, wie gut Gott ist. Wer Gottes Barmherzigkeit im eigenen Leben erfährt, bei wem Kopfwissen zur Herzensgewissheit wird, kann mit sich selbst und auch mit anderen gnädig sein.
Die Erfahrung der Liebe Gottes, die der Heilige Geist uns vermittelt, macht den großen Unterschied. Wir begegnen dem Herzen des Vaters. Wir werden innerlich befreit zur Kindschaft. Wir vermitteln das Herz des Vaters und laden alle, die noch als geistliche Waisen und Witwen leben, ins Vaterhaus und die vollkommene Familie der Liebe ein. „Was wir selbst gesehen und gehört haben (was wir erlebt haben), verkündigen wir euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Dies schreiben wir euch, damit unsere Freude vollkommen sei“ (1 Joh 1,3-4).
Möchtest Du gerade jetzt ein einfaches Gebet sprechen? Wie wäre es mit dieser zweifachen Bitte an Gott: „Sei Du mein Vater!“ „Mach mich zu einem Vater oder einer Mutter für andere!“ (Father me! Make me a father!)