Reich Gottes an der Seidenstraße

MEHR ALS NUR SIGHTSEEING

„Sightseeing ist etwas für Touristen.“ Mit dieser Einstellung planten meine Oma und ich die Reise, die sie mir zum 19. Geburtstag geschenkt hatte. Wir meinten damit, dass wir auch über die geistliche Situation in unserem Zielland etwas erfahren wollten. Tja, keine acht Wochen später saßen wir mit Eduard, Paul, Andreas und Klaus-Dieter im Flugzeug nach Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans.
Was uns erwarten würde? Das wusste ich ebenso wenig wie die Tatsache, dass man ohne russische Sprachkenntnisse dort nicht weit kommt. Aber Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Und so war es überhaupt nicht schlimm, kein Wort zu verstehen, als wir uns beim ersten Abendessen mit der usbekischen Kultur vertraut gemacht haben.

Urchristliche Erfahrungen

Was am ersten Tag als sanfter Einstieg begann, wurde am nächsten Morgen richtig tiefgründig. Nach drei Stunden Autofahrt über eine Buckelpiste, die ihresgleichen sucht, standen wir vor einem kleinen Bauernhof, der so abgelegen war, dass die Wasserversorgung … sagen wir mal, nicht nach europäischen Standards verlief. „Aha“, dachte ich, „hier soll also eine Gemeinde sein?“ Ich sollte noch staunen, was für eine!
Kein Whiteboard für die kreative Veranschaulichung von Predigttexten, keine Multimediashow für einen besonderen Lobpreis. Die Hausgemeinde hat einen schlichten Versammlungsraum mit einer einfachen Holzbühne und einem Klavier. Rein objektiv gesehen ist sie arm an Infrastruktur, dafür aber umso reicher an Erlebnissen! Die Leiterin des Hauses erzählte uns, wie sich durch ihren Dienst viele Familien bekehrt haben und wie diese wiederum zu Multiplikatoren wurden. Das allein ist schon ein Wunder, denn der starke Druck auf die Gemeinden in dem mit über 95% muslimisch geprägten Usbekistan ist erst seit 2021 geringer geworden. Davor mussten Christen für sie unbezahlbar hohe Geldstrafen fürchten, wenn sie sich verbotenerweise trafen.
Ein anderer Pastor erzählte uns ein paar Tage später, wie ein solcher Bußgeldzettel einfach im System nicht mehr auftauchte, obwohl er ursprünglich richterlich beschlossen wurde, und er auf diese Weise Gottes Bewahrung erlebte. Die Leiterin der Hausgemeinde berichtete uns, wie ihr Mann mit jeweils ein paar Gemeindemitgliedern durch die Stadt gefahren ist und ihnen währenddessen die Bibel ausgelegt hat.
Es war keine einfache Zeit für die Christen. Auch in ganz pragmatischen Fragen, wie: „Wo begraben wir unsere Toten?“ Als eine ältere Frau aus dem Nachbarort starb, stellten sie Gott genau diese Frage – und er beantwortete sie, indem er die bereits Verstorbene wieder zum Leben erweckte.
„Bibelgeschichten sind nette Märchen von damals.“ Solche oder ähnliche Aussagen sind mir schon öfters begegnet. Aus erster Hand zu hören, wie Gott auch heute noch solch große Wunder tut wie zu Jesu Zeiten, das hat mein Gottesbild geradezu revolutioniert! Würde ich alle Befreiungen von Okkultismus und alle Heilungen von schweren Krankheiten aufzählen, von der uns die Gemeindeleiterin während unseres Besuchs berichtet hat, blieb in diesem Beitrag kein Raum mehr für anderes.

Begegnung ist alles

Unsere nächste Station auf der Reise war Jizzax, eine aufstrebende Provinzhauptstadt etwa drei Fahrstunden von Taschkent entfernt. Hier besuchten wir einen Gemeindeneubau – geradezu ein Kontrastprogramm zu der vorher erwähnten Hauskirche im Dorf. Auch in dieser Gemeindegeschichte ist Gottes Wirken deutlich zu erkennen. So ist es ein großer Segen, dass das Gemeindezentrum inmitten der Stadt mit 200.000 Einwohnern realisiert werden konnte und sich zudem eine gute Beziehung zum Bürgermeister entwickelt hat.
Ein weiteres Highlight war für mich der Besuch eines Abendgottesdienstes in einer Hausgemeinde mitten in den Bergen unweit von Taschkent. Schnell freundete ich mich mit der Schwiegertochter des Hauses an, als wir gemeinsam das Nationalgericht Plov herrichteten. Keine drei Jahre älter als ich, ist sie schon mit dem zweiten Kind schwanger – unterschiedlicher können zwei Lebenssituationen nicht sein! Doch trotz aller Unterschiede und Sprachbarrieren gibt es eine Sache, die uns eint: unser Glaube. Während des Gottesdienstes wurde mir bewusst, dass es egal ist, woher wir kommen, wenn wir Gott gemeinsam ehren, ihn anbeten und füreinander beten. Wer selbst einmal nach Usbekistan reist, sollte auf jeden Fall viel Zeit für Gottesdienstbesuche einplanen – drei Stunden Dauer sind keine Seltenheit.
Natürlich durfte auch ein bisschen Kultur nicht fehlen, weshalb wir uns Buchara und Samarkand, zwei Städte entlang der historischen Seidenstraße, anschauten und so noch mehr in die Geschichte des Landes eintauchen konnten.
„Sightseeing ist etwas für Touristen.“ Mit diesem Motto startete die Reise. Und ich durfte erleben, wie wahr diese Aussage ist. Was mich am tiefsten berührt hat, sind nicht die kunstvollen Gebäude, sondern die Begegnungen mit den Menschen. Ihre Geschichten zu hören, hat mich ermutigt und mir neue Sichtweisen eröffnet.
Diese Reise war tatsächlich mehr als eine Besichtigungstour. Sie war ein Blick hinter die Kulissen einer alten Kultur und darauf, wie das Reich Gottes in den Ländern an der Seidenstraße heute Gestalt gewinnt.

https://www.bibel-mission.de/missionsfeld/usbekistan

Autor

  • Lea Fuchs lebt im Berchtesgadener Land und hat im letzten Jahr erfolgreich ihr Abitur gemacht. Sie leitet die Jugendgruppe der AGAPE-Gemeinde in Freilassing und nutzt die Zeit bis zum Beginn des Studiums für verschiedene Missionsreisen.

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