Die (fehlende) Kraft der Kirche

Blogbeitrag von Lothar Krauss

Wir haben kein Wissensproblem.

Wir haben Zugriff auf exzellente Theologie, durchdachte Konzepte und unzählige Ressourcen. Noch nie war es so leicht, sich Wissen anzueignen.

Und trotzdem bleibt etwas aus.

Wirkung.
Bewegung.
Kraft.

Denn Theorie allein trägt nicht. Wenn sie keine sichtbare Realität hervorbringt, beginnt man, sie infrage zu stellen.

Vielleicht zu schnell.

Stell dir einen Motor vor:
Perfekt konstruiert. Jedes Teil sitzt. Alles ist durchdacht.

Und doch passiert nichts.

Wäre dein erster Gedanke: Die Theorie stimmt nicht?
Oder würdest du prüfen, ob überhaupt Treibstoff im Tank ist?

Genau hier liegt ein blinder Fleck der Kirche.

Wenn Dynamik fehlt, wenn geistliche Lebendigkeit abnimmt, wenn missionarische Kraft ausbleibt, reagieren wir oft mit theologischer Nachjustierung. Wir erklären neu, gewichten um, formulieren vorsichtiger. Manchmal wird auch die ganze theologische Konstruktion in Frage gestellt. Nicht wenige stehen dann – oft desillusioniert – ganz blank da. Alles ist verloren. So schade.

Aber was, wenn das Problem nicht im „Know-how“ liegt – sondern in der fehlenden „Power“?

Ich komme selbst aus einer Prägung, die genau diesen Aspekt betont: die Kraft des Heiligen Geistes.

Und ja – hier ist nicht alles gesund gelaufen.
Es gab Übertreibungen. Schieflagen. Dinge, die Vertrauen gekostet haben. Sogar Missbrauch, Lüge und sehr viel Schein. Ich bin froh, dass das nicht verborgen bleibt. Die Opfer haben es verdient, während etliche in meiner „Bubble“ mehr mit dem „Täterschutz“ und „Markenschutz“ halten. Das macht mich unendlich traurig. DENNOCH:

Diese Fehlentwicklungen entkräften nicht die Grundlage!
Sie fordern uns heraus, reifer damit umzugehen.

Denn die Verheißung bleibt:

„Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist …“ (Apg 1,8)

Kirche ist von Anfang an auf diese Kraft hin gedacht.
Nicht als statisches System, sondern als gesandte Bewegung.

Der kanadische Pastor und Leadership-Experte Carey Nieuwhof verweist auf eine ernüchternde Beobachtung: Nur etwa 1 % der Kirchen in den USA erreichen Menschen wirksam mit dem Evangelium.

Ob die Zahl exakt stimmt, ist fast zweitrangig.
Die Richtung ist schwer zu übersehen.

Wenn wir Jesu Worte ernst nehmen, müssen wir zumindest fragen:

Haben wir ein Kraftproblem?

Nicht nur organisatorisch.
Nicht nur kulturell.
Sondern geistlich.

Auch bei uns zeigt sich ein ähnliches Spannungsfeld.

Es gibt Aufbrüche. Neue Gemeinden. Ermutigende Geschichten.
Und gleichzeitig viel Stagnation im Großen.

Die durchgreifende, selbstvergessene missionarische Bewegung, die das Umfeld prägt – sie bleibt oft aus.

Und vielleicht haben wir uns schneller damit arrangiert, als uns lieb sein sollte.

Seit Jahren bewegt mich deshalb eine Spannung:
Wie sprechen wir über den Heiligen Geist so, dass wir weder in Extreme kippen noch die Erwartung verlieren?

Wie bleiben wir gleichzeitig:

  • tief in der Schrift verwurzelt,
  • offen für das Wirken Gottes,
  • und konkret im Alltag wirksam?

Denn beides gehört zusammen:
solides „Know-how“ und gelebte „Power“.

Das eine ohne das andere führt entweder zu trockener Theorie – oder zu orientierungsloser Erfahrung.

Für unsere Gemeinschaft – die VivaKirche in Mannheim – habe ich deshalb eine kleine Lehrserie entwickelt. Als eine Einladung:

Wir wollen mit einer gesunden Mitte unseren Glauben dynamisch und auftragsorientiert leben.

Zu einer Nachfolge, die verwurzelt ist – und zugleich kraftvoll.
Zu einem Glauben, der nicht nur erklärt, sondern bewegt.

Fragen, die bleiben

Vielleicht sind es diese Fragen, die uns weiterbringen:

  • Wo habe ich mich an ein kraftloses Christsein gewöhnt?
  • Wo ersetze ich fehlende Erfahrung durch mehr Erklärung?
  • Rechne ich konkret damit, dass der Heilige Geist heute wirkt?
  • Und was würde passieren, wenn ich ihm tatsächlich Raum gebe?

Vielleicht liegt das Problem nicht im Bauplan.

Sondern darin, dass wir gelernt haben, mit leerem Tank zu leben.

Und vielleicht beginnt Erneuerung genau hier:
nicht mit der nächsten Idee –
sondern mit einer neuen Offenheit und Sehnsucht.
Gesund und Verwurzelt in der Verheißung von Jesus.
Auftragsorientiert und kraftvoll.
Apostelgeschichte 1,8 eben.

Leiterblog von Lothar Krauss

Ein Beitrag, der Sie auch interessieren könnte:

Autor

  • Lothar Krauss ist aktuell in der VivaKirche Mannheim hauptberuflich aktiv. Er ist ein erfahrener Theologe, Mentor und Vordenker im Bereich der christlichen Leiterschaft und Gemeindeentwicklung. Durch seine langjährige Tätigkeit als Pastor und seine Leidenschaft für gesunde Führungskultur hat er sich als profilierter Coach und Sprecher im deutschsprachigen Raum etabliert.

    Alle Beiträge ansehen