Zwischen Versagen und Veränderung
Kürzlich wurde ich gefragt, was ich vom Versagen der Leitung der Bethel Church in Redding, Kalifornien, in jüngster Zeit halte. Es geht um Fehler im Umgang mit Vorwürfen gegen Shawn Bolz: sexuelle Belästigung und dass er soziale Medien nutzte, um Informationen für falsche „Worte der Erkenntnis“ zu sammeln. Bis 2019 wurde ihm bei Bethel eine Plattform geboten, um zu predigen und zu prophezeien. Ich habe geantwortet, dass für mich vor allem der Umgang der Leitung der Bethel Church mit den Vergehen und deren Aufarbeitung vorbildlich ist. Ich lerne daraus, dass es wichtig ist, wie Leiter konstruktiv und ehrlich mit ihrem Versagen umgehen. Außerdem muss das Verständnis und damit die Barmherzigkeit für die Opfer im Vordergrund stehen und nicht der Täter, ungeachtet persönlicher Beziehungen.
Versagen
Die mir vorliegende Stellungnahme der Bethel-Leitung zeigt ein bemerkenswert offenes Eingeständnis des eigenen Versagens im Umgang mit schwerwiegenden Vorwürfen gegen eine externe Führungskraft. Das Versagen bestand im Kern nicht in der ursprünglichen Verfehlung dieser Person, sondern im Umgang der Leitung mit den daraus resultierenden Konsequenzen.
„Wir sind uns bewusst, dass wir nicht für Shawns Sünde verantwortlich sind – das ist er selbst. Aber ebenso ist uns klar, dass wir für unsere eigenen Sünden, unser Handeln und auch unser Nichthandeln im Nachhinein verantwortlich sind. In Jakobus 4,17 heißt es: ‚Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde‘.“
Dieses Versagen lässt sich in mehreren Dimensionen beschreiben.
Kommunikationsmangel
Zunächst zeigte sich ein deutliches Defizit in der zeitnahen und transparenten Kommunikation. Die Leitung räumte selbst ein, „nicht früh genug, nicht klar genug und nicht laut genug“ die Wahrheit gesagt zu haben. Obwohl interne Untersuchungen bereits 2019 substanzielle Hinweise auf Fehlverhalten ergaben, wurde die breitere Öffentlichkeit – insbesondere die eigene Gemeinde und das globale Netzwerk – nicht informiert. Durch diese Unterlassung wurde weiterhin Vertrauen in eine Person gesetzt, die dieses Vertrauen missbraucht hatte.
Fehleinschätzung
Ein zweiter zentraler Aspekt war die Fehleinschätzung der Verantwortung. Die Leiter gingen zunächst davon aus, dass ihre Verantwortung begrenzt sei, da die betreffende Person kein direktes Mitglied ihrer Organisation war. Im Rückblick erkennen sie jedoch, dass allein die wiederholte Nutzung der Plattformen durch diese Person eine Mitverantwortung erzeugte – insbesondere im Hinblick auf den Schutz der eigenen Gemeinschaft. Aufgrund dieser Fehleinschätzung wurden notwendige Schutzmaßnahmen für Betroffene und potenziell Gefährdete nicht konsequent umgesetzt.
Prioritäten
Damit eng verbunden war ein drittes Problemfeld: die unangemessene Prioritätensetzung. Es wurde mehrfach eingeräumt, dass Mitgefühl und Loyalität gegenüber dem Beschuldigten stärker gewichtet wurden als der Schutz und die Unterstützung der Opfer. Diese „unsanktionierte Barmherzigkeit“, wie einer der Leiter es nennt, führte dazu, dass das Leid der Opfer verlängert und teilweise sogar verstärkt wurde. Auch persönliche Überforderung und externe Krisen (wie Krankheit oder Pandemie) trugen dazu bei, dass notwendige Entscheidungen verzögert oder unzureichend getroffen wurden. Dazu Bill Johnson, Seniorpastor der Bethel Church:
„Ich bin nicht gut im Austragen von Konflikten; darin möchte ich wachsen. Gleichzeitig lade ich auch unser Team ein, sich in diesem Bereich stärker einzubringen. Ich kann es mir nicht länger leisten, Konfrontationen und Konflikte hinauszuzögern. Darüber hinaus müssen wir, wenn wir nach Gerechtigkeit streben, das Opfer an die erste Stelle setzen, danach der Gemeinde dienen und erst anschließend an der Wiederherstellung des Täters arbeiten.“
Fehlende Konsequenzen
Ein weiteres Versagen lag in der mangelnden Konsequenz bei der Leitung und der fehlenden Konfrontation. Es wurden zwar Hinweise geprüft und Gespräche geführt, es fehlte jedoch an klaren, durchsetzungsstarken Maßnahmen sowie an externer Beratung. Zudem wurde es versäumt, interne Kontrollmechanismen und kollektive Entscheidungsprozesse ausreichend zu nutzen.
Konstruktiver Umgang mit Versagen
Trotz dieser Defizite ist es bemerkenswert, wie die Leiterschaft der Bethel Church versucht, konstruktiv mit ihrem Versagen umzugehen. Ein erster wichtiger Schritt ist die öffentliche Übernahme von Verantwortung. Die Leiter benennen ihre Fehler konkret, vermeiden Relativierungen und erkennen sowohl eigenes Handeln als auch Unterlassen als schuldhaft an. Diese Transparenz ist eine zentrale Voraussetzung, um das Vertrauen wiederherzustellen. Hier das Statement vom Stellvertretenden Leiter Kris Vallotton:
„Ich möchte mich ausdrücklich bei den Opfern von Shawn entschuldigen: bei denen, die seine unangemessene und sexuell belästigende Kultur erlebt haben, und bei denen, die Schwierigkeiten hatten, das Erlebte zu verarbeiten oder aufgrund empfangener prophetischer Worte Lebensentscheidungen getroffen haben. Es tut mir sehr leid.“
Darüber hinaus ist ein ernsthafter Wille zur kulturellen und strukturellen Veränderung erkennbar. So wurden neue Maßnahmen zur Rechenschaftspflicht eingeführt, darunter eine erweiterte Leitungsstruktur, eine stärkere Einbindung der Ältesten sowie klar definierte Kommunikationsprozesse für zukünftige Vorfälle. Hervorzuheben ist insbesondere die Einführung eines unabhängigen Meldesystems („Safe Church“), das es Betroffenen ermöglicht, Missbrauch anonym und außerhalb der eigenen Organisation zu melden. Dies ist ein wichtiger Schritt hin zu institutioneller Transparenz und Opferschutz.
Ein konstruktiver Ansatz ist auch die Einbindung externer Expertise. Mithilfe unabhängiger Untersuchungen und Beratung soll sichergestellt werden, dass blinde Flecken erkannt und professionelle Standards eingehalten werden. Gleichzeitig betont die Leitung die Notwendigkeit, theologische und kulturelle Werte neu auszurichten, insbesondere die Priorität von Charakter über Begabung und den Vorrang des Opferschutzes vor der Wiederherstellung von Leitern.
„Als erweitertes Leitungsteam möchten wir verstehen und aufarbeiten, wie wir es in Zukunft besser machen können, indem wir einen externen Experten hinzuziehen, der unsere Leitungsstrukturen, unsere Organisation und unsere Kultur überprüft. Wir wollen sicherstellen, dass wir klare Rechenschaftsstrukturen etablieren, die Sicherheit aller Menschen, die mit Bethel in Kontakt stehen, priorisieren und die Maßstäbe einhalten, zu denen uns die Schrift für unsere Leiterschaft und Kultur aufruft.“
Schließlich zeigt sich auch eine prozesshafte Haltung. Die Leitung macht deutlich, dass die Aufarbeitung nicht abgeschlossen ist, sondern Zeit, Zuhören und kontinuierliche Veränderung erfordert. Kritik aus der eigenen Gemeinschaft wird nicht abgewehrt, sondern als notwendiger Bestandteil des Lernprozesses anerkannt.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Versagen der Bethel-Leitung vor allem in mangelnder Transparenz, unklarer Verantwortungsübernahme, falscher Prioritätensetzung und unzureichender Konsequenz bestand. Der konstruktive Umgang damit zeigt sich in öffentlicher Reue, strukturellen Reformen, externer Kontrolle sowie einer Neuausrichtung auf die Werte Schutz, Verantwortung und Integrität. Ob diese Maßnahmen das Vertrauen langfristig wiederherstellen, wird sich an ihrer konsequenten Umsetzung messen lassen.
Brief der Leitung von Bethel (EN)