Über 40.000 Tote nach Protesten im Iran, ein Regime, das seine eigenen Bürger erschießt und dabei immer mehr ins Wanken gerät. Mittendrin wächst die Kirche – trotz Haft und Exekutionen. Sie ist bereit, den Preis für einen veränderten Mittleren Osten zu bezahlen. Claudia Schulze (AVC – Aktion für verfolgte Christen und Notleidende), sprach im Februar mit Farshid Fathi, AVC-Partner und Leiter eines Netzwerks von Untergrundkirchen im Iran.
AVCreport: Farshid, wie erlebst du die aktuelle Situation im Iran?
Farshid: Das sind entscheidende Tage. Seit der Islamischen Revolution 1979 empfinden viele Iraner ihr eigenes Land als „feindlich besetzt“. Doch dieses Mal ist es anders. Die Menschen gehen auf die Straße, obwohl sie wissen, dass es ihr Leben kosten kann. 43.000 wurden allein in diesem Jahr bei Protesten getötet. Trotzdem machen die Leute weiter. Sie sind sehr wütend. Das Regime verliert an Macht. Das ist nicht nur politisch – es ist auch ein geistlicher Kampf. Ich denke an Jericho: Sieben Tage umrundeten die Israeliten die Stadt. Am siebten Tag siebenmal – und dann fiel die Mauer. In meinem Herzen spüre ich: In solchen Tagen leben wir. Die Dunkelheit weiß, dass ihre Zeit begrenzt ist.
Gleichzeitig hört man, dass die iranische Untergrundkirche stark wächst.
Das stimmt. 2005 gründeten wir die ersten Untergrundkirchen. In fünf Jahren entstanden 48 Gemeinden. Heute zählt unser Netzwerk fast 1000 Kirchen. Ganze Gruppen von Menschen kommen zu Christus. Die Menschen sind voller Begeisterung. Untergrundkirchen nehmen sie auf. Zu den Versammlungen bringt jeder etwas mit – ein Lied, eine Lehre, ein Zeugnis. Das stärkt die Gemeinden und lässt sie lebendig wachsen.
Wie können Kirchen trotz Verfolgung wachsen?
Viele Menschen im Nahen und Mittleren Osten haben die wahre Fratze des Islams erkannt. Vor kurzem sprach ich in einer Versammlung in der Türkei und fragte, wer sein Leben Jesus geben wolle. Als ich die Augen öffnete, war ich umringt von Menschen. 83 Muslime entschieden sich an einem einzigen Abend für Christus. In fast 30 Jahren habe ich so etwas noch nie erlebt.
Wie evangelisiert ihr unter so schwierigen Umständen?
Eigentlich ist Evangelisation im Iran einfach. Die Menschen leiden seit fast 50 Jahren und sind hungrig nach Wahrheit und Hoffnung. Wir zeigen ihnen die Wahrheit – Christus. Unsere Kirche wächst, weil die Menschen das Licht Christi gesehen haben. Davon sind sie so begeistert, dass sie es mit ihrem Umfeld teilen. Ihre Freude über die Erlösung ist zu groß – man kann sie nicht zum Schweigen bringen.
Sind die Christen speziell im Visier der Revolutionsgarden?
Der Druck auf Christen ist hoch. Viele unserer Glaubensgeschwister wurden bei Protesten erschossen. Ein junger Mann wurde angeschossen – wir konnten ihn nicht ins Krankenhaus bringen, weil auch dort die Polizei lauerte. Ein anderer starb vor dem Spital im Auto eines Freundes. Viele werden in den Gefängnissen exekutiert. Das Regime versucht, unsere Besten zu töten. Aber das kann das Werk Gottes nicht stoppen.
Wie erleben die iranischen Christen ihre Inhaftierung?
Viele sehen das Gefängnis als ein „anderes“ Missionsfeld. Ich selbst war fünf Jahre im Gefängnis, ein Jahr davon in Einzelhaft. Ein Jahr ohne Sonne. Aber Jesus war mein Licht und meine Rettung. Im Gefängnis traf ich einen fanatischen Muslim. Eines Tages sagte er: „Farshid, wie es scheint, ist unser Gott tot. Aber ich habe gehört, dass euer Gott lebt. Kannst du für mich beten?“ Ich hatte Angst – war das eine Falle? Ich sprach ein ganz kurzes Gebet. Am nächsten Tag berichtete er mir unter Tränen, dass er freigesprochen worden war. Gott beantwortet eigentlich nur unsere Gebete, wenn wir sagen: „Schick uns zu den Unerreichten.“ Gefängnisse sind genau solche Orte.
Welche Bedeutung hat es für uns Christen zu leiden?
Die Bibel ist dazu sehr klar und auch Jesus sagt: „Wer mir folgen will, wird leiden.“ Ich habe gelernt: Die Liebe findet ihren größten Ausdruck im Leiden. Wie weit bist du bereit, für den zu gehen, den du liebst?
Für „westliche Ohren“ klingt das hart.
Aber es ist die Wahrheit. Auch im Westen leiden Menschen. Wir können das Leid ablehnen oder annehmen. Ich glaube, wir sind berufen, unser Kreuz zu tragen. Jesus verspricht uns kein Leben ohne Schmerz auf dieser Erde. Aber es kommt eine Zeit, in der das Leid überwunden sein wird.
Was passiert nach dem Fall des Regimes?
Wenn der Iran eines Tages frei wird, glaube ich, dass wir etwas Ähnliches wie am Pfingsttag erleben werden. Vielleicht werden an einem einzigen Tag 3000 Menschen zu Christus finden. Dann wird unsere Herausforderung sein: Wie begleiten wir sie? Wie helfen wir ihnen, im Glauben zu wachsen? Sehr wichtig werden auch Leitende mit einer gesunden Lehre sein, die der Wahrheit folgen.
Tausende werden traumatisiert aus den Gefängnissen kommen. Wir werden ein Land sehen, das zutiefst gebrochen und verletzt ist. Als Leib Christi sind wir berufen, das blutende iranische Volk zu umarmen, es zu trösten und zu heilen. Ein freier Iran braucht eine ganzheitliche Wiederherstellung. Wir benötigen praktische Hilfe von Ärzten und Traumatherapeuten.
Viele haben ihre Kinder verloren, Zehntausende wurden getötet. Selbst in einem freien Iran wird in vielen Häusern ein Platz für immer leer bleiben. Die Menschen brauchen Trost. Letztlich kann nur der Heilige Geist diesen Trost schenken. Wenn der Iran eines Tages frei ist, wird das Auswirkungen auf die gesamte Region haben: auf Afghanistan, Tadschikistan und viele andere Länder rund um den Iran. Die Kirche eines freien Irans wird missionarisch in den gesamten Nahen und Mittleren Osten hineinwirken und eine sendende Kirche werden. Das ist mein Traum.
Vollständiges Interview:
AVC ist ein Missions- und Hilfswerk, das sich weltweit für verfolgte Christen und Notleidende einsetzt. Das Engage-ment erstreckt sich auf über 60 Länder auf vier Kontinenten. AVC unterstützt seit mehr als 20 Jahren die iranische Untergrundkirche. Weiter ermöglicht das Werk die Schulung von Leiterinnen und Leitern im Ausland und steht Christen bei, die aus dem Iran in die Türkei geflüchtet sind. Aktuell lässt AVC 200.000 Bibeln auf Farsi drucken, um dem geistlichen Hunger im Land rasch begegnen zu können, sobald sich die Türen öffnen.